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Deutschsprachige Literatur

Deutsche Literaturgeschichten beginnen mit den frühsten erhaltenen Schriften in alten deutschen Dialekten. Jedoch entstand eine deutsche Literatur in der Form, in der wir heute Literatur verstehen, erst im achtzehnten Jahrhundert. Eine moderne literarische Kultur braucht drei Elemente:
  1. ein Publikum, das lesen kann. Noch im späten 18. Jahrhundert konnte nur 15% der Bevölkerung lesen.
  2. ein Publikum, das auch Freizeit zum Lesen hat. Lesen war vor dem 18. Jahrhundert ein Luxus.
  3. die Technologie, Bücher, Zeitschriften, und andere Druckschriften billig genug herzustellen, damit sich ein Markt für Literatur entwickelt.
Im der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nennt man die Epoche der Aufklärung. Die Aufklärung war das Zeitalter in der europäischen Kulturgeschichte, währenddessen Ideale der Vernunft und des rationalen Denkens die starren traditionellen Dogmen des Christentums überwinden sollte. In dieser Zeit entstanden moderne Formen der Naturwissenschaften, der Philosophie, Staatsrecht, Ästhetik, und Gesellschaft.

Die dominierenden literarischen Figuren, die in dieser Zeit lebten und wirkten, waren Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805). Diese zwei Dichter repräsentieren in viele Literaturgeschichten den Gipfel der deutschen Geistesgeschichte. Goethe und Schiller haben Gedichte, Dramen, Prosa, und wissenschaftliche Werke geschrieben.

Das Gedicht von Schiller "An die Freude" (1786) machte der Komponist Ludwig von Beethoven in seiner neunten Simfonie weltbekannt. Beethoven benutzte nur ein Teil des Gedichts für seinen Choral. Beethoven änderte das Gedicht für seine Simfonie, die er zwischen 1822 und 1824 komponierte. In Beethovens Text bleibt der Geist der Aufklärung erhalten, indem das Lied die Einheit aller Menschen als göttliche Wesen auf Erden besingt:

An die Freude

O Freunde, nicht diese Töne!
Sondern laßt uns angenehmere anstimmen,
und freudenvollere.

Freude!
Freude!

Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.

Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt'gen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder, über'm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.

Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such' ihn über'm Sternenzelt!
über Sternen muß er wohnen.

O friends, no more of these sounds!
Let us sing more cheerful songs,
More songs full of joy!

Joy!
Joy!

Joy, bright spark of divinity,
Daughter of Elysium,
Fire-inspired we tread
Within thy sanctuary.
Thy magic power re-unites
All that custom has divided,
All men become brothers,
Under the sway of thy gentle wings.

Whoever has created
An abiding friendship,
Or has won
A true and loving wife,
All who can call at least one soul theirs,
Join our song of praise;
But those who cannot must creep tearfully
Away from our circle.

All creatures drink of joy
At natures breast.
Just and unjust
Alike taste of her gift;
She gave us kisses and the fruit of the vine,
A tried friend to the end.

Even the worm can feel contentment,
And the cherub stands before God!
Gladly, like the heavenly bodies
Which He sent on their courses
Through the splendor of the firmament;
Thus, brothers, you should run your race,
Like a hero going to victory!

You millions, I embrace you.
This kiss is for all the world!
Brothers, above the starry canopy
There must dwell a loving father.

Do you fall in worship, you millions?
World, do you know your creator?
Seek Him in the heavens;
Above the stars must he dwell.


An die Freude, Berlin Philharmonic Orchestra