14

Jedenfalls so lange, bis die Vietnamesin kam. Die kommt normalerweise dreimal die Woche. Die Vietnamesin ist schon ziemlich alt, sechzig würde ich schätzen, und mit dem Reden hat sie's nicht so. Ohne ein Wort rauschte sie plötzlich an mir vorbei und dann gleich rein in die Küche und mit dem Staubsauger wieder raus. Ich hab mir das eine Weile angesehen, schließlich bin ich zu ihr hin und hab gesagt, dass sie die nächsten zwei Wochen nicht mehr arbeiten muss. Ich wollte einfach allein sein. Ich hab ihr erklärt, dass meine Eltern so lange weg sind und dass es reicht, wenn sie Dienstag in vierzehn Tagen einmal kommt und das Haus auf Vordermann bringt. Aber es war ziemlich schwierig, ihr das begreiflich zu machen. Ich dachte, der würde jetzt vor Freude sofort der Staubsauger aus der Hand fallen, aber das war nicht so. Sie hat mir nämlich erstens nicht geglaubt. Also hab ich ihr im Haus die Liste gezeigt und was mein Vater noch für mich eingekauft hatte und den rotumkringelten Mittwoch im Kalendar, wo er wiederkommen wollte, und weil sie mir dann immer noch nicht geglaubt hat, hab ich ihr sogar die zweihundert Euro gezeigt, die er dagelassen hatte. Und erst da ist mir eingefallen, warum sie sich so hartnäckig an ihren Staubsauger geklammert hat. Weil sie nämlich gedacht hat, dass sie auch kein Geld kriegt, wenn sie nicht arbeitet, und ich musste ihr erklären, dass sie ihr Geld natürlich trotzdem kriegt. Wahnsinnig peinlich. Merkt ja keiner, hab ich gesagt. Aber verstanden hat sie das nur mit großer Mühe, sie kann kein Deutsch, und irgendwann ist sie dann tatsächlich gegangen, nachdem wir beide im Küchenkalendar mit unseren Zeigefingern nochmal ausgiebig auf den übernächsten Dienstag getippt und uns dabei tief in die Augen geschaut und zugenickt hatten, und danach war ich völlig fertig. Ich weiß nie, wie ich mit diesen Leuten reden soll. Wir hatten auch mal einen Inder für den Garten, der ist aus Kostengründen jetzt gestrichen, aber da war es genau das Gleiche. Peinlich. Ich will diese Leute immer ganz normal behandeln, aber sie behnehmen sich wie Angestellte, die den Dreck für einen wegmachen, und genau das sind sie ja auch, aber ich bin doch erst vierzehn. Meine Eltern haben damit kein Problem. Und wenn meine Eltern dabei sind, ist es auch für mich kein Problem. Aber allein mit der Vietnamesin in einem Raum fühle ich mich wie Hitler. Ich will ihr immer sofort das Staubtuch aus der Hand reißen und selber putzen.

Ich hab sie noch rausbegleitet, und am liebsten hätte ich ihr auch noch irgendwas geschenkt, aber ich wusste nicht, was, und deshalb hab ich ihr einfach nur hinterhergewinkt wie ein Blöder und war wahnsinnig froh, als ich endlich allein war. Ich sammelte das Werkzeug ein, das immer noch überall rumlag, und dann stand ich in er warmen Abendluft und atmete tief durch.

Schräg gegenüber grillten die Dyckerhoffs. Der älteste Sohn winkte mir mit der Grillzange zu, und weil er ein Riesenarschloch ist wie alle unsere Nachbarn, guckte ich schnell zur anderen Seite, und da kam quietschend ein Fahrrad die Straße runtergerollt. Wobei runtergerollt übertrieben ist. Und Fahrrad ist auch übertrieben. Es war der Rahmen von einem alten Damenfahrrad, vorn und hinten unterschiedliche Reifen, in der Mitte ein zerfetzter Ledersattel. Einziges Zusatzteil war eine schlackernde Handbremse, die am Kabel senkrecht nach unten hing wie eine umgedrehte Antenne. Hinten ein Platten. Und obendrauf Tschichatschow. Das war nach meinem Vater jetzt so ungefähr die letzte Person, der ich begegnen wollte. Wobei außer Tatjana jetzt im Grunde jeder die Person war, der ich begegnen wollte. Aber der Ausdruck auf dem Mongolengesicht machte gleich klar, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.

"Kawock!", sagte Tschick und steuerte strahlend bei uns auf den Bürgersteig. "Denkst du, was passiert: Fahr ich dahinten - macht's kawock. Hier wohnst du? Hey, ist das Flickzeug? Wie geil ist das denn, gib mal her."

Ich hatte keine Lust auf Diskussionen. Darum gab ich ihm das ganze Werkzeug und sagt, er solle es einfach hinterher wieder da hintun. Ich hätte keine Zeit, ich müsste weg. Dann ging ich sofort ins Haus und lauschte noch eine Weile durch die geschlossene Tür, ob draußen was passiert, ob er vielleicht mit dem Werkzeug abhaute, und schließlich legte ich mich wieder in mein Zimmer und versuchte, an irgendwas anderes zu denken. Aber das war nicht so leicht. Unten war die ganze Zeit Werkzeuggeklapper zu hören, ein Rasen wurde gemäht, und jemand sang auf Russisch. Sang schlecht auf Russisch. Und als es endlich ruhig geworden war ums Haus, beunruhigte mich das noch mehr. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie jemand hinten durch underen Garten lief. Tschick spazierte einmal ganz um den Swimmingpool herum, blieb kopfschüttelnd an der Aluleiter stehen und kratzte sich mit einem Schraubenschlüssel am Rücken. Ich machte das Fenster auf.

"Geiler Pool!", rief Tschick und strahlte zu mir hoch.

"Ja, geiler Pool. Geile Jacke, geiler Pool. Und jetzt?"

Er blieb einfach da stehen. Also ging ich runter, und wir unterhielten uns ein bisschen. Tschick war ohne Ende begeistert von dem Pool, er wollte wissen, womit mein Vater sein Geld verdiente, und ich erklärte es ihm, und dann wollte ich von ihm wissen, wie er diesem Ford-Typen mit drei Sätzen den Stecker gezogen hatte, und er zuckte die Schultern. "Russenmafia." Er grinste, und spätestens da wusste ich, dass es mit Mafia nichts zu tun hatte. Ich kriegte aber auch nicht raus, womit es was zu tun hatte, obwohl ich es noch eine Weile versuchte. Wir redeten nur so rum, und am Ende kam es, wie es kommen musste, und wir landeten vor der PlayStation und spielten GTA. Das kannte Tschick noch nicht, und wir waren nicht sehr erfolgreich, aber ich dachte: Immer noch besser als schreiend in der Ecke liegen.

"Und du bist wirklich nicht sitzengeblieben?", fragte er irgendwann. "Ich meine, hast du denn jetzt reingeguckt? Das versteh ich nicht. Du hast Ferien, Mann, du fährst wahrscheinlich in Urlaub, du kannst auf diese Party, und du hast ein herrliches-"

"Auf welche Party?"

"Gehst du nicht zu Tatjana?"

"Nee, kein Bock."

"Im Ernst?"

"Ich hab morgen schon was anderes vor", sagte ich und drückte hektisch auf dem Dreieck rum. "Außerdem bin ich nicht eingeladen."

"Du bist nicht eingeladen? Ist ja krass. Ich dachte, ich bin der Einzige."

"Ist doch eh langweilig", sagte ich und fuhr mit dem Tanklaster ein paar Leute um.

"Ja, für Schule vielleicht. Aber für Leute wie mich, die noch im Saft stehen, ist diese Party ein must. Simla ist da. Und Natalie. Und Laura und Corinna und Sarah. Nicht zu vergessen Tatjana. Und Mia. Und Fadile und Cathy und Kimberley. Und die ultrasüße Jennifer. Und die Blonde aus der 8a. Und ihre Schwester. Und Melanie.

"Ah", sagte ich und schaute deprimiert auf den Fernseher. Auch Tschick schaute deprimiert auf den Fernseher.

"Lass mich mal den Hubschrauber", sagte er, und ich gab ihm den Controller, und dann redeten wir nicht weiter davon.

Als Tschick schließlich nach Hause fuhr, war es schon fast Mitternacht. Ich hörte das Fahrrad Richtung Weidengasse davon quietschen, und dann stand ich eine Weile allein vor unserem Haus in der Nacht, über mir die Sterne. Und das war das Beste an diesem Tag: dass er endlich zu Ende war.

15

Am nächsten Morgen ging es etwas besser. Ich wachte so früh auf wie an jedem Schultag, das ließ sich leider nicht abstellen. Aberr die Stille im Haus machte mir gleich klar: Ich bin allein, es sind Sommerferien, das Haus gehört mir, und ich kann machen, was ich will.

Ich schleppte als Erstes meine CDs runter und drehte die Anlage im Wohnzimmer voll auf. White Stripes. Dann die Terassentür auf, dann an den Pool gelegt mit drei Tüten Chips und Cola und meinem Lieblingsbuch, und ich versuchte, die ganze Scheiße zu vergessen.

Obwohl es noch früh war, hatten wir mindestens dreißig Grad im Schatten. Ich hängte die Füße ins Wasser, und Graf Luckner sprach zu mir. Das ist nämlich mein Lieblingsbuch: Graf Luckner. Hatt ich mindestens schon dreimal gelesen, aber ich dachte, ein viertes Mal kann niht schaden. Wem einer so drauf ist wie der Graf, kann man das auch fünfmal lesen. Oder zehnmal. Graf Luckner ist Pirat im Ersten Weltkrieg und versenkt einen Engländer nach dem anderen. Und zwar gentlemanlike. Das heißt, er bringt die nicht um. Er versenkt nur ihre Schiffe und rettet alle Passagiere und bringt sie an Land, im Auftrag Seiner Majestät. Und das Buch ist nicht erfunden, das hat er wirklich erlebt. Die tollste Stelle ist aber mit Australien. Da ist er Leuchtturmwärter und jagt Kängurus. Ich meine, er ist fünfzehn. Er kennt niemanden da. Er ist mit dem Schiff ausgerissen, und dann geht er zur Heilsarmee und landet auf einem Leuchtturm in Australien und jagt Kängurus. Aber so weit kam ich diesmal nicht.

Die Sonne knallte runter, ich stellte den Sonnenschirm auf, und der Wind wehte ihn um. Ich stellte Gewichte auf den Fuß. Dann war Ruhe. Aber ich konnte nicht lesen. Ich war auf einmal so begeistert davon, dass ich jetzt machen konnte, was ich wollte, dass ich vor lauter Begeisterung überhaupt nichts machte. Da war ich ganz anders als Graf Luckner. Ich phantasierte nur wieder rum, der ganze Mist mit Tatjana nochmal von vorn. Dann fiel mir ein, dass der Rasen gesprengt werden musste. Das hatte mein Vater vergessen, mir aufzutragen, und ich hätte es also nicht machen müssen. Aber ich machte es. Es hätte mich wahnsinnig gestört, wenn ich's hätte machen müssen, aber jetzt, wo ich praktisch der Hausbesitzer war und der Garten mein Garten, fand ich auf einmal Gefallen am Rasensprengen. Ich stand barfuß auf der Treppe vor unserem Haus und spritzte mit dem gelben Schlauch rum. Ich hatte das Wasser voll aufgedreht, der Strahl schoss mindestens zwanzig Meter durch die Luft. Die entfernteren Ecken des Vorgartens erreichte ich trotzdem nicht, obwohl ic mit allerei Tricks und Rumschrauben an der Düse versuchte, noch weiter zu schießen. Weil, ich durfte jetzt auf keinen Fall von der Treppe runter. Das war Bedingung. Im Wohnzimmer White Stripes voll aufgedreht, Haustür offen, und ich: Hose hochgekrempelt und barfuß, Sonnenbrille im Haar, Graf Koks von der Gasanstalt sprengt seine Ländereien. Das konnte ich jetzt jeden Morgen! Ich fand es auch gut, wenn ich jemand dabei sah. Aber die meiste Zeit sah mich keiner. Es war halb neun, die großen Ferien, da lag alles schläfrig versunken. Zwei Blaumeisen zwitscherten durch den Garten. Der sympatisch vergrübelte und seit kurzem erschütternd verliebte Graf Koks von Klingenberg weilte ganz allein auf seinen Gütern - nein, niht ganz allein. Jack und Meg, die ihn wie so oft, vom Paparazzi-Trubel ermüdet, in seinem Berliner Domizil besuchten, veranstalteten eine kleine Jamsession im Hinterzimmer. Gleich würde der Graf sich zu ihnem gesellen und ein paar rockige Töne auf der Blockflöte beisteuern. Die Vögel zwitscherten, das Wasser plätscherte ... Nichts liebte Koks von Klingenberg mehr als diese Blaumeisen-Morgenstunde, in der er seinen Rasen sprengte. Er knickte den Wasserschlauch ab, wartete zehn Sekunden, bis der volle Druckl sich aufgebaut hatte, und schoss eine Dreißig-Meter-Boden-Boden-Rakete auf den Rhododendron. In the Cold, Cold Night, sang Meg White.

Ein klappriges Auto kam die Straße runtergefahren. Es fuhr langsam auf unser Haus zu und bog in die Auffahrt ein. Eine Minute stand der hellblaue Lada Niva mit laufendem Motor vor unserer Garage, dann wurde der Motor abgestellt. Die Fahrertür ging auf, Tschick stieg aus. Er legte beide Ellenbogen aufs Autodach und sah zu, wie ich den Rasen sprengte.

"Ah", sagte er, und dann sagte er lange nichts mehr. "Macht das Spaß?"

16

Die ganze Zeit wartete ich krampfhaft, dass auch sein Vater odr sein Bruder oder wer auch immer hinter ihm aussteigen würde, aber da stieg niemand mehr aus. Und das lag daran, dass niemand mehr drin war in dem Auto. Man konnte es durch die dreckigen Scheiben nur schlecht erkennen.

"Du siehst aus wie 'n Schwuler, dem sie über Nacht den Gartem vollgekackt haben. Soll ich dich wo hinfahren, oder willst du lieber noch ein bisschen mit dem Wasser spritzen?" Er grinste sein breitestes Russengrinsen. "Steig ein, Mann."

Aber natürlich stieg ich nicht ein. Ich war ja nicht völlig verrückt. Ich ging nur kurz hin und setzte mich halb auf den Beifahrersitz, weil ich nicht so auffällig in der Einfahrt rumstehen wollte.

Von innen sah der Lada noch kaputter aus als von außen. Unter dem Lenkrad hingen Kabel raus, ein Schraubenzieher steckte unterm Armaturenbrett.

"Hast du jetzt endgültig den Arschoffen?"

"Ist nur geliehen, nicht geklaut", sagte Tschick. "Stell ich nachher wieder hin. Haben wir schon öfter gemacht."

"Wer wir?"

"Mein Bruder. Hat den auch entdeckt. Die Karre steht da auf der Straße und ist praktisch Schrott. Kann man leihen. Der Besitzer merkt das gar nicht."

"Und das da?" Ich zeigte auf den Kabelsalat.

"Kann man wieder reinmachen."

"Du spinnst doch. Und die Fingerabdrücke?"

"Was denn für Fingerabdrücke? Sitzt du deshalb die ganze Zeit so komisch da?" Er rüttelte an meinem Armen, die ich angespannt vor der Brust verschränkt hielt. "Mach dir nicht ins Hemd. Das ist Fernsehscheiß mit Fingerabdrücken. Hier - kannst du anfassen. Kannst du alles anfassen. Los, wir fahren mal eine Runde."

"Ohne mich." Ich sah ihn an und sagte erst mal nichts mehr. Er hatte wirklich den Arsch offen.

"Hast du nicht gestern gesagt, du willst mal was erleben?"

"Damit hab ich nicht Knast gemeint."

"Knast! Du bist doch niht mal strafmündig."

"Mach, was du willst. Aber ohne mich." Ich wusste, ehrlich gesagt, nicht mal, was strafmündig heißt. Also, so ungefähr schon. Aber nicht genau.

"Strafmündig heißt: Dir kann nichts passieren. Wenn ich du wäre, würd ich nochmal 'ne Bank überfallen, sagt mein Bruder immer. Bis du fünfzehn bist. Mein Bruder ist dreißig. In Russland prügeln sie dir sieben Sorten Scheiße aus dem Hirn - aber hier! Außerdem interessiert die Karre wirklich niemandem. Nicht mal den Besitzer."

"No way."

"Einmal um den Block."

"Nein."

Tschick löste die Handbremse, und ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, warum ich nicht ausstieg. Ich bin sonst eher feige. Aber gerade deshalb wollte ich wahrscheinlich mal nicht feige sein. Er trat mit dem linken Fuß auf das Pedal ganz links, und der Lada rollte lautlos rückwärts die Schräge hinunter. Tschick trat das mittlere Pedal, und der Wagen blieb stehen. Ein Griff in den Kabelsalat, der Motor startete, und ich schloss meine Augen. Als ich sie wieder öffnete, glitten wir den Ketschendorfer Weg runter und rechts in die Rotraudstraße.

"Du hast nicht geblinkt", sagte ich kläglich, die Arme immer noch an die Brust gepresst. Ich war vor Aufregung fast tot. Dann suchte ich nach dem Sicherheitsgurt.

"Du musst keine Angst haben. Ich fahr wie 'n Weltmeister."

"Blink doch mal wie 'n Weltmeister."

"Ich hab noch nie geblinkt."

"Bitte."

"Wozu? Die Leute sehen doch, wo ich hinfahr. Und es ist sowieso keiner da."

Das stimmte, die ganze Straße war leer. Und es stimmte noch ungefähr eine Minute lang. Dann war Tschick zweimal abgebogen, und plötzlich waren wir auf der Allee der Kosmonauten. Die Allee der Kosmonauten ist vierspurig. Ich kriegte endgültig Panik.

"Okay, okay. Und jetzt zurück. Bitte."

"Mika Häkkinen ist ein Scheiß gegen mich."

"Das hast du schon gesagt."

"Stimmt's nicht?"

"Nein."

"Im Ernst. Fahr ic nicht gut?", fragte Tschick.

"Ganz toll", sagte ich, und in Erinnerung daran, dass das die Standardantwort meiner Mutter auf die Standardfrage meines Vaters war, sagte ich noch: "Ganz toll, Liebling."

"Dreh jetzt nicht durch."

Tschick fuhr nicht gerade wie ein Weltmeister, er fuhr aber auch nicht katastrophal. Nicht viel besser oder schlechter als mein Vater. Und er steuerte tatsächlich wieder unser Viertel an.

"Und könntest du dich mal an irgendwelche Verkehrsregeln halten? Das da ist ein durchgezogener Strich."

"Bist du schwul?"

"Was?"

"Ich hab gefragt, ob du schwul bist."

"Hast du sie noch alle?

"Du hast Liebling gesagt."

"Ich hab ... was? Man nennt das Ironie."

"Also, bist du schwul?"

"Wegen der Ironie?"

"Und weil du dich nicht für Mädchen interessierst." Er sah mir tief in die Augen.

"Guck auf die Straße!", rief ich, und ich muss zugeben, ich wurde langsam hysterisch. Er fuhr einfach, ohne hinzugucken. Machte mein Vater auch manchmal, aber mein Vater war auch mein Vater und hatte einen Führerschein.

"All in der Klasse sind voll in Tatjana. Aber voll."

"In wen?"

"In Tatjana. Wir haben ein Mädchen in der Klasse, das Tatjana heißt. Dir nie aufgefallen? Tatjana Superstar. Du bist der Einzige, der sie nicht mit dem Arsch anguckt. Aber du guckst auch sonst keine mit dem Arsch an. Also, bist du schwul? Ich frag nur so."

Ich dachte fast, ich sterbe.

"Find ich nicht schlimm", sagte Tschick. "Ich hab einen Onkel in Moskau, der läuft den ganzen Tag in einer Lederhose mit hinten Arsch offen rum. Ist aber völlig okay sonst, mein Onkel. Arbeitet für die Regierung. Und er kann ja nichts dafür, dass er schwul ist. Ich find's wirklich nicht schlimm."

Hammer. Ich fand es aucb nicht schlimm, wenn einer schwul ist. Auch wenn das nicht meine Vorstellung von Russland war, dass man da in Lederhose mit Arsch offen rumlief. Aber dass ich Tatjana Cosic wie Luft behandelte, das war doch ein ziemlicher Witz, oder? Weil, natürlich behandelte ich sie wie Luft. Wie hätte ich sie denn sonst behandeln sollen? Für ein absolutes Nichts, eine gestörte Schlaftablette war das ja wohl immer noch die einzige Möglichkeit, sich nicht komplett lächerlich zu machen.

"Du bist ein Idiot", sagte ich.

"Ich komm damit klar. Hauptsache, du gehst mir nicht an die Rosette."

"Hör auf, das ist eklig."

"Mein Onkel -"

"Scheiß auf deinen Onkel! Ich bin nicht schwul, Mann. Ist dir noch aufgefallen, dass ich die ganze Zeit eine Scheißlaune hab?"

"Weil ich nicht blinke?"

"Nein! Weil ich nicht schwul bin, du Penner!"

Tschick guckte mich verständnislos an. Ich schwieg. Ich wollte das nicht erklären. Ich wollte es nicht einmal gesagt haben, das war mir nur so rausgerutscht. Ich hatte noch nie mit jemandem über so Sachen geredet, und ich wollte nicht jetzt damit anfangen.

"Versteh ich nicht. Muss ich das verstehen?" sagte Tschick. "Du bist nicht schwul, weil du scheiße drauf bist oder was? Hä?

Ich guckte beleidigt aus dem Fenster. Gut war immerhin, dass es mir nun schon ganz egal war, dass wir gerade an einer roten Amptel hielten, von zwei Rentnern durch die Windschutzscheibe angestarrt wurden und uns demnächst die Polizei abräumen würde. Ich wünschte mir sogar, dass die Polizei uns abräumen würde. Dann wäre endlich mal was los.

"Also Scheißlaune - warum?"

"Weil heute der Tag ist, Mann."

"Was für ein Tag?"

"Die Party, du Penner. Tatjanas Party."

"Du musst jetzt keinen Mist erzählen, nur weil du sexuell desorientiert bist. Gestern wolltest du da nicht mal hin."

"Und ob ich da hinwollte."

"Ich find's nicht schlimm", sagte Tschick und legte mir eine Hand aufs Knie. "Mich interessieren deine sexuellen Probleme doch überhaupt nicht, und ich erzähl's auch nicht weiter, ich schwör's."

"Ich kann's beweisen", sagte ich. "Soll ich's dir beweisen?"

"Mir beweisen, dass du nicht schwul bist? Uh-ah-ah." Er wedelte mit den Händen unsichtbare Fliegen weg.

Da waren wir schon am Springpfuhl vorbei. Tschick parkte diesmal nicht direkt vor unserem Haus, sondern in einer kleinen Seitenstraße, einer Sachgasse, wo uns keiner beim Aussteigen sah, und als wir endlich ober bei mir waren und Tschick mich immer noch anguckte, als hätte er wer weiß was über mich rausgefunden, sagte ich: "Mach mich nicht verantwortlich für das, was du jetzt zu sehen kriegst. Und lach nicht. Wenn du lachst -"

"Ich lach ja nicht."

"Tatjana geht kaputt auf Beyoncé, das weißt du?"

"Ja, klar. Ich hätte ihr eine CD geklaut, wenn sie mich eingeladen hätte."

"Ja. Jedenfalls ... das da."

Ich holte die Zeichnung aus der Schublade. Tschick nahm sie, hielt sie mit ausgestreckten Armen vor sich hin und starrte sie an. Er schenkte der Zeichnung aber erst mal nicht so viel Bedeutung wie der Rückseite, wo ich den Riss säuberlich mit Tesafilm geklebt hatte, sodass er von vorne kaum noch zu sehen war. Er guckte sich diesen Riss ganz genau an und dann nochmal die Zeichnung, und dann sagte er: "Du hast ja Gefühle."

Er sagte das im Ernst, ohne jeden Scheiß. Das fand ich reichlich merkwürdig. Und es war das erste Mal, dass ich dachte: Der ist ja wirklich gar nicht so doof. Tschick hatte diesen Riss gesehen und sofort gemerkt, was los war. Ich glaube, ich kenn nicht viele Leute, die das sofort gemerkt hätten. Tschick schaute mich ganz ernst an, und das mochte ich an ihm. Er konnte ziemlich komisch sein. Aber wenn's drauf ankam, war er eben auch nicht komisch, sondern ernst.

"Wie lange hast du dafür gebraucht? Drei Monate? Das sieht ja aus wie 'n Foto. Und was willst du jetzt damit machen?"

"Nichts."

"Du musst doch was machen damit."

"Was soll ich denn machen? Soll ich zu Tatjana gehen und sagen, herzlichen Glückwunsch, ich hab hier ein kleines Geschenk für dich zum Geburtstag - und es stört mich auch überhaupt nicht, dass ich nicht eingeladen bin und jeder andere Spacken schon, ja wirklich, kein Problem. Und ich komm hier auch nur zufällig vorbei und geh auch gleich wieder - viel Spaß mit dieser Zeichnung, an der ich mir drei Monate lang den Arsch abgearbeitet hab?"

Tschick kratzte sich am Hals. Er legte die Zeichnung auf den Schreibtisch, betrachtete sie kopfschüttelnd und sah mich dann wieder an und sagte: "Genau so würd ich's machen."

17

"Im Ernst, du musst was machen. Wenn du nichts machst, wirst du verrückt. Lass uns da vorbeifahren. Ist doch wurscht, ob du denkst, es ist peinlich. In einem geklauten Lada ist eh nichts mehr peinlich. Zieh deine geile Jacke an, nimm deine Zeichnung und schwing deinen Arsch ins Auto."

"Never."

"Wir warten, bis es dämmert, und dann schwingst du deinen Arsch ins Auto."

"Nee."

"Und warum nicht?"

"Ich bin nicht eingeladen."

"Du bist nicht eingeladen! Na und? Ich bin auch nicht eingeladen. Und weißt du, warum? Logisch, der Russenarsch ist nicht eingeladen. Aber weißt du, warum du nicht eingeladen bist? Siehst du - du weißt es nicht mal. Aber ich weiß es."

"Dann sag's, du Held. Weil ich langweilig bin und scheiße ausseh."

Tschick schüttelte den Kopf. "Du siehst nicht scheiße aus. Oder vielleicht siehst du scheiße aus. Aber daran liegt's nicht. Der Grund ist: Es gibt überhaupt keinen Grund, dich einzuladen. Du fällst nicht auf. Du musst auffallen, Mann."

"Was meinst du mit auffallen? Jeden Tag besoffen in die Schule kommen?"

"Nein. Mein Gott. Aber wenn ich du wär und aussehen würde wie du und hier wohnen würde. und solche Klamotten hätte, wär ich schon hundertmal eingeladen.

"Brauchst du Klamotten?"

"Lenk nicht ab. Sobald es dämmert, fahren wir nach Werder.

"Never."

"Wir gehen nicht auf die Party. Wir fahren nur vorbei."

Was für eine endbescheuerte Idee. Genau genommen waren es gleich drei Ideen, und jede enzelne davon war bescheuert: Uneingeladen aufkreuzen, mit dem Lada quer durch Berlin, und - am bescheuertsten von allen - die Zeichnung mitnehmen. Denn eins war mal klar: Auch Tatjana würde merken, was es mit dieser Zeichnung auf sich hatte. Ich wollte auf keinen Fall da hin.

Während Tschick mich nach Werder kutschierte, erzählte ich unafhörlich, dass ich da nicht hinwollte. Erst sagte ich, er solle umkehren, ich hätte es mir anders überlegt, dann behauptete ich, dass wir die genaue Adresse ja gar nicht wüssten, und dann schwor ich, dass ich auf keinen Fall aussteigen würde aus dem Lada.

Während der ganzen langen Fahrt hielt ich die Hände in den Achseln. Diesmal nicht wegen Fingerabdrücken, sondern weil sie sonst gezittert hätten. Vor mir auf dem Arbaturenbrett lag Beyoncé und zitterte auch.

Bei aller Aufregung bemerkte ich immerhin, dass Tschick vorsichtiger fuhr als noch am Morgen. Er umging die zweispurigen Straßen und nahm lange vor roten Ampeln den Fuß vom Gas, damit wir nicht dastanden und Passanten zu uns reingucken konnten. Einmal mussten wir auf dem Seitenstreifen halten, weil es anfing zu regnen und der Scheibenwischer nicht funktionierte. Aber da waren wir schon fast raus aus Berln. Es schüttete wie aus Eimern. Allerdings nur fünf Minuten lang, ein Gewitterregen. Danach roch die Luft wahnsinnig gut.

Ich schaute durch die Windschutzscheibe, auf der der Fahrtwind die Tropfen auseinandertrieb, und mir fiel zum ersten Mal auf, wie merkwürdig es war, in einem Auto, das einem nicht gehörte, durch diei Straßen zu gondeln, durch das abendliche Berlin, und dann raus über die Alleen im Westen und an einsamen Tankstellen vorbei und den Wegweisern nach Werder hinterher. Plötzlich stand die rote Sonne unter schwarzen Wolken. Ich sagte kein Wort mehr, und Tschick sagte auch nichts, und ich war froh, dass er so entschlossen auf die Party zuhielt, wo ich angeblich gar nicht hinwollte. Drei Monate lang hatte ich an nichts anderes gedacht - und jetzt passierte es eben, und ich würde mich vor Tatjana aufführen wie dr lächerlichste Mensch.

Das Haus war nicht schwer zu finden. Wir hätten es wahrscheinlich auch so gefunden, wenn wir die Straßen an der Havel abgefahren wären, aber gleich hinterm Ortseingang tauchten zwei Mountainbikes mit Schlafsäcken bepackt vor uns auf - André und noch irgendein Trottel. Tschick fuhr ihnen in sicherem Abstand hinterher, und dann sahen wir schon das Haus. Rot geklinkert, ein Vorgarten voller Fahrräder, vom See her ein Riesengeschrei. Noch hundert Meter enfernt. Ich rutschte von meinem Sitz hinunter in den Fußraum, während Tschick das Fenster runterkurbelte, lässig einen Ellenbogen raushängte und mit achteinhalb Stundenkilometer an der ganzen Gesellschaft vorbeifuhr. Ungefähr ein Dutzend Leute stand im Vorgarten und in der offenen Haustür, Leute mit Gläsern und Flaschen und Handys und Zigaretten in den Händen. Unmengen hinten im Garten. Bekannte und unbekannte Gesichter, aufgedonnerte Mädchen aus der Parallelklasse. Und wie eine Sonne mittendrin Tatjana. Wenn sie schon die größten Trottel und Russen nicht eingeladen hatte, hatte sie doch sonst alles eingeladen, was laufen konnte. Das Haus blieb langsam hinter uns zurück. Keiner hatte und gesehen, und mir fiel ein, dass ich ja überhaupt keinen Plan hatte, wie ich Tatjana die Zeichnung geben sollte. Ich dachte ernsthaft darüber nach, wie während der Fahrt as dem Fenster zu werfen. Irgendwer würde sie schon finden und zu ihr bringen. Aber bevor ich noch irgendwas Bescheuertes tun konnte, bremste Tschick schon und stieg aus. Entsetzt sah ich ihm hinterher. Ich weiß nicht, ob Verliebtsein immer so peinlich ist, aber anscheinend habe ich kein großes Talent dafür. Während ich mit mir kämpfte, ob ich endgültig im Fußraum versinken und mir die Jacke über den Kopf ziehen oder zurück auf den Sitz klettern und ein unbeteiligtes Gesicht machen sollte, schoss hinterm rotgeklinkerten Haus eine Rakete in den Himmel und explodierte rot und gelb, und fast alle rannten in den Garten zum Feuerwerk. Allein André mit seinem Moutainbike und Tatjana, die ihn begrüßen gekommen war, standen noch auf dem Bürgersteig.

Und Tschick.

Tschick stand jetzt direkt vor ihnen. Sie starrten ihn an, als ob sie ihn nicht erkennen würden, und wahrscheinlich erkannten sie ihn wirklich nicht. Denn Tschick hatte meine Sonnenbrille auf. Außerdem trug er eine Jeans von mir und mein graues Jackett. Wir hatten den ganzen Tag meinen Kleiderschrank ausgeräumt, und ich hatte Tschick drei Hosen und ein paar Hemden und Pullover und so was geschenkt, mit dem Ergebnis, dass er nun nicht mehr aussah wie der letzte Russenarsch, sondern wie ein Kleiderständer aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Wobei das keine Beleidigung sein soll. Aber er sah sich einfach selbst nicht mehr ähnlich, und dann hatte er auch noch eine Ladung Gel im Haar. Ich konnte sehen, wie er Tatjana ansprach und sie antwortete - irritiert antwortete. Tschick winkte mir hinter seinem Rücken mit der Hand. Wie hypnotisiert stieg ich aus, und was dann passierte - frag mich nicht. Ich weiß es nicht mehr. Plötzlich stand ich mit der Zeichnung neben Tatjana, und ich glaube, sie guckte mich genauso irritiret an wie vorher Tschick. Aber ich hab's eigentlich nicht gesehen.

Ich sagte: "Hier."

Ich sagte: "Beyoncé."

Ich sagte: "Eine Zeichnung."

Ich sagte: "Für dich."

Tatjana starrte die Zeichnung an, und bevor sie wieder von der Zeichnung hochgucken konnte, hörte ich schon, wie Tschick zu André sagte: "Nee, keine Zeit. Wir haben noch was zu erledigen." Er stieß mich an, ging zum Auto zurück, und ich hinterher - und den Motor gestartet und ab. Ich rammte meine Fäuste gegen das Armaturbrett, während Tschick in den zweiten Gang schaltete und die Straße runterschoss, die eine Sackgasse war.

"Soll ich's ihnen noch zeigen?" fragte er.

Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht.

"Soll ich's ihnen noch zeigen?", fragte Tschick.

"Mach, was du willst!", schrie ich. Ich war so erleichtert.

Tschick raste auf das Ende der Sackgasse zu, riss das Steuer kurz nach rechts und dann nach links, zog an der Handbremse und machte mitten auf der Straße eine 180°-Drehung. Ich flog fast aus dem Fenster.

"Klappt nicht immer", sagte Tschick stolz. "Klappt nicht immer."

Er beschleunigte am rotgeklinkerten Haus vorbei, und nur aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie immer noch standen auf dem Bürgersteig. Die Zeit schien angehalten zu sein. Tatjana mit der Zeichnung in der Hand. André mit dem Mountainbike und Natalie, die gerade von hinten durch den Garten kam.

Der Lada schmierte mit sechzig um die nächste Kurve, und meine Fäuste hämmerten auf das Armaturbrett.

"Gib Gas!", rief ich.

"Mach ich doch."

"Gib mehr Gas!", rief ich und sah meinen Fäusten beim Hämmern zu. Erleichterung ist gar kein Ausdruck.