31

Das Erste, war wir machten, war dann aber Eis und Cola kaufen. Wir versteckten den Kanister und die Schläuche hinter der Leitplanke und liefen Eis essend über den Parkplatz hinten und probierten im Vorbeigehen die Tanköffnungen der parkenden Autos durch. Keine davon ließ sich aufmachen. Ich war schon fast am Verzweifeln, als Tschick endlich einen alten Golf mit kaputtem Tankdeckel fand.

Wir warteten noch, bis es wirklich zappenduster war und weit und breit kein Mensch mehr, und machten wir uns ans Werk.

Der Waschmaschinenschlauch war so unbiegsam, dass wir ihn gleich wegschmeißen konnten. Aber mit dem Duschschlauch kam man gut rein in den Tank. Nur Benzin kam leider keins. Dabei war der Tank voll. Der Schlauch war unten fünfzehn Zentimeter nass.

Nachdem ich zehnmal angesaugt hatte und trotzdem nichts kam und Tschick es auch noch zehnmal probiert hatte, guckte er mich an und sagte: "Was war das nochmal für 'n Buch? Wo hattest du das her?

Und ich hatte absolut keine Lust zu erklären, was das für ein Buch gewesen war. Ich versuchte es weiter mit Ansaugen und merkte auch, wie ich das Benzin hochgesaugt kriegte im Schlauch. Einmal hatte ichh es bis an meine Lippen, aber mehr als drei Tropfen flossen am Ende nicht raus. Wir knieten zwischen den parkenden Autos und schauten uns an.

"Ich weiß, wie's funktioniert", sagte Tschick schließlich. "Du nimmst es in den Mund und spuckst es in unsern Tank. Das funktioniert hundert Pro."

"Und warum ich?"

"War es meine Idee?"

"Ich hab 'ne bessere Idee: Hast du den Tennisball noch?"

"O Mann", sagte Tschick. "O Mann. Das geht nicht."

"Es ist stockfinster. Keiner sieht uns."

"Das geht nicht", sagte Tschick und guckte mich an, als ob ihm alles wehtun würde. "Du hast nicht wirklich geglaubt, oder? Du kannst mit einem Tennisball kein Auto aufmachen. Sonst würde das doch jeder. Der Lada war immer offen, hast du das nicht gemerkt? Das Schloss ist kaputt, oder der Besitzer hat nie abgeschlossen. Weil, so eine Rostlaube klaut doch kein Mensch. Mein Bruder hat das mal rausgefunden und - guck mich nicht so an! Mein Bruder hat mich auch verarscht mit dem Tennisball ... oha. Dreh dich nicht um."

"Was ist?"

"Kopf runter. Da ist jemand, bei den Containern."

Ich lehnte mich seitlich an den Golf und versuchte, vorsichtig über meine Schulter zu sehen.

"Jetzt ist er weg. Da war ein Schatten hinter der Leitplanke, wo der Flaschencontainer steht."

"Dann lass uns abhauen."

"Da isser wieder. Ich rauch mal eine."

"Was?"

"Tarnung."

"Scheißtarnung, lass uns abhauen!"

Tschick stand auf und schob dabei Schlauch und Kanister mit dem Fuß unter den Golf. Es machten einen Höllenkrach. Ich stand auch vorsichtig auf. Hinter den Containern bewegte sich wasw. Ich sah es aus den Augenwinkeln.

"Können auch Zweige sein", murmelte Tschick. Er steckte sich eine Zigarette an, gleich über dem Tank.

"Wirf doch gleich das Streichholz da rein."

Er nahm ein paar Züge und begann mit Dehnübungen. Es war mit Sicherheit die dümmste Tarnug,die ich je gesehen hatte.

Dann gingen wir extra langsam zum Lada zurück. Im Davonschlendern drückte ich noch die Tankklappe mit der Hüfte zu.

"Ihr Schwachköpfe!", brüllte jemand hinter uns.

Wir schauten in die Dunkelheit, aus der die Stimme gekommen war."

"Eine halbe Stunde macht ihr rum und kriegt's nicht raus, ihr Schwachköpfe! Ihr Vollprofis!"

"Kannst du vielleicht noh etwas lauter schreien?", sagte Tschick und blieb stehen.

"Und dann noch rauchen!"

"Geht's noch lauter? Kannst du bitte über den ganzen Parkplatz schreien?"

"Ihr seid doch zun Ficken zu blöd!"

"Stimmt. Kannst du dich jetzt wieder verpissen?"

"Schon mal was von ansaugen gehört?"

"Und was machen wir hier die ganze Zeit? Los, hau ab!"

"Pschhhht!" sagte ich.

Geduckt standen Tschick und ich zwischen den Autos, nur dem Mädchen war natürlich alles egal. Sie überblickte den ganzen Parkplatz.

"Ist doch eh keiner da, ihr Angsthasen. Wo habt ihr denn den Schlauch?"

Sie zog unsere Gerätschaften unter dem Golf hervor. Dann steckte sie ein Ende vom Schlauch in den Tank und das andere Ende und einen Finger in ihrem Mund. Sie saugte zehn- fünfzehnmal, als würde sie Luft trinken, dann nahm sie den Schlauch mit dem Finger drauf aus dem Mund.

"So. Jetzt, wo ist der Kanister?"

Ich stellte ihr den Kanister hin, sie hielt den Schlauch in die Öffnung, und das Benzin schoss aus dem Tank. Von ganz allein, und es hörte auch überhaupt nicht mehr auf.

"Wieso ging das bei uns nicht?" flüsterte Tschick.

"Das hier muss unter dem Wasserspielgel sein", sagte das Mädchen.

"Ach ja", sagte Tschick, und wir sahen zu, wie der Kanister sich langsam füllte. Das Mädchen kauerte am Boden, und als nichts mehr kam, schraubte sie den Verschluss wieder drauf, und Tschick flüsterte: "Was für ein Wasserspiegel?"

"Frag sie, du Arsch", flüsterte ich zurück.

32

Und so lernten wir Isa kennen. Die Ellenbogen auf die vorderen Sitzlehnen gelegt, schaute sie von der Rückbank genau zu, wie Tschick den Lada anließ und Gas gab. Und natürlich hatten wir da überhaupt keine Lust drauf. Aber nach dieser Benzinsache war es schwer, sie nicht wenigstens ein Stück mitzunehmen. Sie wollte unbedingt, und nachdem sie gehört hatte, dass wir Berliner waren, sagte sie, das wäre auch genau ihre Richtung. Und als wir erklärten, dass wir gerade nicht nach Berlin fahren würden, sagte sie, das wäre auch genau richtig. Außerdem versuchte sie rauszukriegen, wo wir eigentlich hinwollten, aber weil sie uns nicht sagen konnte, wo sie hinwollte, sagten wir ihr auch nur, dass wir ungefähr in den Süden führen, und dann fiel ihr ein, dass sie eine Halbschwester in Prag hätte, die sie dringend besuchen müsste. Und das läge ja praktisch auf dem Weg, und es war, wie gesagt, schwer, ihr den Wunsch abzuschlagen, weil wir ohne sie ja nicht mal Benzin gehabt hätten.

Als wir auf die Autobahn rollten, hatten wir alle Fenster geöffnet. Man roch es trotzdem - wenn auch nicht so stark. Tschick hatte mittlerweile keine Probleme mehr mit der Autobahn, er fuhr wie Hitler in seinen besten Tagen, und Isa saß hinten und quasselte unaufhörlich. Sie war auf einmal ganz aufgekratzt und rüttelte beim Reden an unseren Sitzlehnen. Nicht, dass ich das normal gefunden hätte, aber im Vergleich zu dem Gefluche vorher war es immerhin ein Fortschritt. Und auch was sie da redete, war gar nicht immer uninterssant. Ich meine, sie war nicht doof auf ihre Weise, und auch Tschick biss sich nach einiger Zeit auf die Lippen und hörte ihr zu und nickte. Ja, das wäre ihm auch schon aufgefallen, dass im Spiegel rechts und links vertauscht wäre, aber nicht oben und unten.

Trotzdem war es zwischen den beiden noch nicht ganz vorbei. Als Isa einmal ihren Kopf durch die Sitze nach orne steckte, zeigte Tschick auf ihre Haare und sagte: "Da leben Tiere drin", und Isa zog sofort den Kopf zurück und sagte: "Ich weiß", und ein, zwei Kilometer später fragte sie: "Ihr habt nicht zufällig eine Schere? Weil, ich müsste mal Haare schneiden."

Anhand der Schilder an den Ausfahrten versuchten wir rauszufinden, wo wir überhaupt waren. Aber die Städtenamen kannter kein Mensch. Ich hatte den Verdacht, dass wir überhaupt niht vorangekommen waren mit unseren Landstraßen und Feldwegen. Aber es war auch ziemlich egal. Mir zumindest. Die Autobahn führte auch schon längst nicht mehr nach Süden, und irgendwann bogen wir ab und fuhren wieder Landstraßen und der Sonne nach.

Isa verlangte, unsere einzige Musikkassette zu hören, und nach einem Lied verlangte sie, wir sollten sie aus dem Fenster werfen. Dann tauchte eine riesige Bergkette vor uns am Horizont auf, wir fuhren genau darauf zu. Ungeheuer hoch und mit Steinzacken obendrauf. Wir hatten keine Ahnung, was das für Berge waren. Stand auch kein Schild dran. Die Alpen sicher nicht. Aber waren wir überhaupt noch in Deutschland? Tschick schwor, in Ostdeutschland gäbe es keine Berge. Isa meinte, es gäbe schon welche, aber die wären höchstens einen Kilometer hjoch. Und ich erinnerte mich, dass wir in Erdkunde zuletzt Afrika durchgenommen hatten. Davor Amerika, davor Südosteuropa, näher waren wir Deutschland nie gekommen. Und jetzt dieses Gebirge, das da nicht hingehörte. Es dauerte noch ungefähr eine halbe Stunde, dann krochen wir langsam die Serpentinen ruaf.

Wir hatten uns die kleinste Straße ausgesucht, und der Lada schaffte die Steigung mit Mühe im ersten Gang. Wie Handtücher auf abschüssigen Gelände lagen die Felder rechts und links. Dann kam der Wald, und als der Wald endete, standen wir über einer Schlucht mit einem glasklaren See drin. Ein winziger See. Zur Hälfte eingefasst von hellgrauen Felsen und zu einer Seite eine Beton- und Eisenkonstruktion, der Rest von einer Staustufe oder so. Und außer uns kein Mensch. Wir parkten den Lada unten am See. Von der Betonsperre aus konnte man ins Tal und über die ganzen Berge sehen. Nur ein paar hundert Meter unter uns lag ein Dorf. Der ideale Platz zum Übernachten.

Zum Baden schien der See zu kalt zu sein. Ich stand am Ufer neben Isa und atmete tief ein - und Tschick ging noch einmal zum Auto und kam mit etwas zurück, was er unauffällig hinterm Rücken hielt. Offenbar hatten wir genau den gleichen Gedanken gehabt. Auf ein Zeichen von Tschick packten wir Isa und warfen sie ins Wasser.

Eine Fontäne spritzte senkrecht hoch, als sie unterging, und eine zweite, als sie wieder auftauchte und mit den Armen schlug, und erst in dem Moment fiel mir ein, dass wir ja gar nicht wussten, ob sie schwimmen konnte. Sie schrie und planschte erbärmlich und hundepaddeln, ohne nur einen einzigen Millimeter abzusacken, dass man genau sah, dass sie schwimmen konnte. Sie schüttelte die nassen Haare, machte ein paar Brustschwimmzüge und verfluchte uns. Tschick warf ihr eine Flasche Duschdas zu. Und während ich noch überlegte, ob ich das jetzt finden oder Mitleid haben sollte, bekam ich schon einen Stoß in den Rücken und fiel auch in den See. Es war noch kälter als kalt. Ich tauchte auf und schrie und Tschick stand am Ufer und lachte, und Isa fluchte und lachte abwechselnd.

Die Betonsperre war zu hoch zum wieder Rausklettern, und wir mussten quer durch den ganzen See bis zur einzigen Stelle mit flacher Böschung schwimmen, und während wir schwammen, beschimpfte Isa mich unaufhörlich und meinte ich wäre ein noch größere Volltrottel als mein Homofreund, und versetzte mir unter Wasser Tritte. Wir gerieten in eine Balgerei. Währenddessen spazierte Tschick zum Auto, zog sich pfeifend eine Badehose an und kam mit einer Zigarette im Mundwinkel und einem Handtuch über der Schulter zurück.

"So badet der Gentleman", sagte er, machte ein vornehmes Gesicht und sprang mit einem Köpper in den See.

Wir verfluchten ihm gemeinsam.

Als wir an Land kamen, zog Isa sofort Shirt und Hose und alles aus und fing an, sich einzuseifen. Das war ungefähr das Letzte, womit ich gerechnet hatte.

"Herrlich", sagte sie. Sie stand im knietiefen Wasser, schaute in die Landschaft und schäumte ihre Haare ein, und ich wusste nicht, wo ich hingucken sollte. Ich guckte mal hier-, mal dahin. Sie hatte eine wirklich tolle Figur und eine Gänsehaut. Ich hatte auch eine Gänsehaut. Als Letztes kam Tschick zu der flachen Stelle gekrault, und komischerweise gab es überhaupt keine Diskussionen mehr. Keiner sagte etwas, keiner fluchte, und keiner machte einen Witz. Wir wuschen uns nur und keuchten for Kälte und benutzten alle dasselbe Handtuch.

Mit Blick auf Berge und Täler im Abendnebel aßen wir dann einen Kanister Haribo, der noch vom Norma übrig war. Isa hatte ein T-Shirt von mir an und die glänzende Adidas-Hose. Ihre stinkenden Sachen lagen hinten am Ufer und blieben dort auch liegen, für immer.

Wir versuchten an diesem Abend noch mehrfach rauszukriegen, wo sie denn eigentlich herkam und wo sie wirklich hinwollte, aber alles, was sie erzählte, waren wilde Geschichten. Sie wollte ums Verrecken nicht sagen, was sie auf die Müllkippe gemacht hatte oder was in ihrer Holzkistee drin war, die sie mit sich rumschleppte. Das Einzige, was sie verreit, war, dass sie Schmidt hieß. Isa Schmidt. Das war jedenfalls das Einzige, was wir ihr glaubten.

33

Früh am nächsten Morgen marschierte Tschick allein los, um im Dorf unten irgendwas zu essen zu kaufen. Ich lag noch im Halbschlaf auf der Luftmatratze und schaute in die dämmrige Landschaft, und Isa stand in der offenen Heckklauppe vom Lada und fragte nochmal, ob wir nicht zufällig eine Schere dabeihätten und ob ich ihr die Haare schneiden könnte.

Tatsächlich fand sich im Verbandkasten eine ganz kleine Schere, aber ih hatte noch nie Haare geschnitten. Das war Isa egal, und sie wollte alles komplett ab, bis auf einen Pony vorne. Sie setzte sich an den Rand der Staustufe, zog ihr T-Shirt aus und sagte: "Fang an."

Nach einer Weile drehte sie sich zu mir und sagte: "Warum fängst du nicht an? Ich will nidht, dass das T-Shirt voll Haare wird."

Also fing ich an. Anfangs versuchte ich, Isas Kopf niht dauernd mit der Hand zu berühren, aber es ist schwer, jemanden mit einer so winzigen Schere einen Skinhead zu verpassen, ohne sich abzustützen. Und noch schwieriger ist es, nicht dauernd auf eine nackte Brust zu gucken, die gerade so or einem hängt.

"Guck mal, der hot sich einen runter", sagte Isa. Ich sah zum Waldrand hin. Da stand ein alter Mann vor den Bäumen, also nicht mal hinter den Bäumen, sondern davor, die Hose auf die Knie runtergelassen und wedelte sich einen von der Palme.

"O Mann", sagte ich und ließ die Schere sinken.

Isa sprang auf, sammelte blitzschnell ein paar Steine ein und fing an zu rennen. Sie rannte die Böschung hoch und auf den Alten zu und fing schon im Laufen an, mit Steinen zu schmeißen. Sie schmiss die Steine mindestens fünfzig Meter weit wie an der Schnur gezogen durh die Gegend, und es wunderte mich überhaupt nicht. Wer laufen kann, kann logisch auch werfen. Der Mann pumpte erst noch weiter, aber als Isa schon ziemlich nah war, riss er sich plötzlich die Hose hoch und stolperte in den Wald. Isa folgte ihm mit lautem Geschrei und wilden, schleudernden Armbewegungen, aber es war zu sehen, dass sie nicht mehr mit Steinen warf. Am Waldrand drehte sie um. Außer Atem kam sie zurück und setzte sich auf ihren alten Platz.

Ich muss eine Weile versteinert dagestanden haben, denn irgendwann tippte sie gegen meinen Oberschenkel und sagte: "Weiter."

Es fehlte nur noch der Pony. Ich ging vor Isa in die Knie, um eine gerade Linie hinzukriegen, und bemühte mich, auch nicht im Entferntesten so auszusehen, als würde ich dabei woanders hingucken als auf diesen Pony. Ich hielt die Schere genau waagerecht und machte einen vorsichtigen ersten Schnitt. Dann beugte ich den Oberkörper zurück wie ein echter Künstler und machte einen zweiten Schnitt. Die Haarspitzen fielen an den schmalen Augen vorbei nach unten.

"Muss nicht genau sein", sagte Isa, "der Rest ist doch auch vergurkt."

"Überhaupt nicht. Sieht super aus", sagte ich. Und tonlos: "Du siehst super aus."

Mehr sagte ich nicht. Als ich fertig war, wischte Isa die abgeschnittenen Haare weg, und dann saßen wir auf der Staustufe nebeneinander, schauten in die Landschaft und warteten darauf, dass Tschick zurückkam. Isa hatte ihr T-Shirt noch immer nicht angezogen, und vor uns lagen die Berge mit ihrem blauen Morgennebel, der in den Tälern vorne schwamm, und dem gelben Nebel in den Tälern hinten, und ich fragte mich, warum das eigentlich so schön war. Ich wollte sagen, wie schön es war, oder jedenfalls wie schön ich es fand und warum, oder wenigstens, dass ich nicht erklären konnte, warum, und irgenwann dachte ich, es ist vielleicht auch nicht nötig, es zu erklären.

"Hast du schon mal gefickt?" fragte Isa.

"Was?"

"Du hast mich gehört."

Sie hatte ihre Hand auf mein Knie gelegt, und mien Gesicht fühlte sich an, als hätte man heißes Wasser draufgegossen.

"Nein", sagte ich.

"Und?"

"Was und?"

"Willst du?"

"Was will ich?"

"Du hast mich schon verstanden."

"Nein", sagte ich.

Meine Stimme war ganz hoch und fiepsig. Nach einer Weile nahm Isa ihre Hand wieder weg, und wir schwiegen mindestens zehn Minuten, von Tschick immer noch keine Spur. Auf einmal kamen mir die Berge und das alles ziemlich uninteressant vor. Was hatte Isa da gerade gesagt? Was hatte ich geantwortet? Es waren nur ungefähr drei Worte, aber - was bedeuten sie? Mein Gehirn nahm ungeheuer Fahrt auf, und ich würde schätzungsweise fünfhundert Seiten brauchen, um aufzuschreiben, was mir in den nächsten fünf Minuten alles durch den Kopf ging. Es war wahrscheinlich auc nicht sehr spannend, es ist nur spannend, wenn man gerade drinsteckt in so einer Situation. Ich fragte mich nämlich hauptsächlich, ob Isa das ernst gemeint hatte, und auch, ob ich das ernst gemeint hatte, als ich gesagt hatte, dass ich nicht mit ihr schlafen will, falls ich das überhaupt gesagt hatte. Aber tatsächlich wollte ich gar nicht mit ihr schlafen. Ich fand Isa zwar toll und immer toller, aber ich fand es eigentlich auch vollkommen ausreichend, in diesem Nebelmorgen mit ihr dazusitzen und ihre Hand auf meinem Knie zu haben, und es war wahnsinnig deprimierend, dass sie die Hand jetzt wieder weggenommen hatte. Ich brauchte eine Ewigkeit, bis ich mir einen Satz zurechtgelegt hatte, den ich sagen konnte. Ich übte diesen Satz in Gedanken ungefähr zehnmal, und dann sagte ich mit einer Stimme, die klang, als würde ich gleich einen Herzinfarkt kriegen: "Aber ich fand es schön mit deiner ... ähchrrm. Hand auf meinem Knie."

"Ach?"

"Ja."

"Und warum?"

Und warum, mein Gott. Der nächste Herzinfarkt.

Isa legte ihren Arm um meine Schulter.

"Du zitterst ja", sagte sie.

"Ich weiß", sagte ich.

"Viel weißt du nicht."

"Ich weiß."

"Wir könnten ja aucb erst mal küssen. Wenn du magst."

Und in dem Moment kam Tschick mit zwei Brötchentüten durch die Felsen gestiegen, und es wurde nichts mit Küssen.