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Und jetzt hab ich immer noch nicht erklärt, warum sie mich Psycho genannt haben. Denn, wie gesagt, für kurze Zeit hieß ich auch Psycho. Keine Ahnung, was das sollte. Also schon klar: Das sollte bedeuten, dass ich sie nicht alle beisammenhab. Aber da hätten meiner Meinung nach ein paar andere viel eher so heißen können. Frank hätte so heißen können, oder Stöbcke mit seinem Feuerzeug, die sind auf jeden Fall gestörter als ich. Oder der Nazi. Aber der Nazi hieß schon Nazi, der brauchte keinen Namen mehr. Und natürlich hatte das auch einen speziellen Grund, warum ausgerechnet ich so hieß. Dieser Grund war ein Deutschaufsatz bei Schürmann, sechste Klasse. Thema Reizwortgeschichte. Falls jemand nicht weiß, was das ist, Reizwortgeschichte geht so: Man bekommt vier Wörter, zum Beispiel "Zoo", "Affe", "Wärter" und "Mütze", und dann muss man eine Geschichte schreiben, in der ein Zoo, ein Affe, ein Wärter und eine Mütze vorkommen. Wahnsinnig originell. Der reine Schwachsinn. Die Wörter, die Schürmann sich ausgedacht hatte, waren "Urlaub", "Wasser", "Rettung" und "Gott". Was schon mal deutlich schwieriger war als mit dem Zoo und dem Affen, und die Hauptschwierigkeit war natürlich Gott. Bei uns gab es nur Ethik, und in der Klasse waren sechszehn Atheristen inklusive mir, und auch die, die Protestanten waren, die haben nicht wirklich an Gott geglaubt. Glaube ich. Jedenfalls nicht so, wie Leute daranglauben, die wirklich an Gott glauben, die keiner Ameise was zuleide tun können oder sich riesig freuen, wenn einer stirbt, weil er dann in den Himmel kommen. Oder die mit einem Flugzeug ins World Trade Center krachen. Die glauben wirklich an Gott. Und deshalb war dieser Aufsatz ziemlich schwierig. Die meisten haben sich erst mal an dem Wort Urlaub festgehalten. Da rudert die Kleinfamilie an der Côte d'Azur rum, und dann geraten sie vollkommen überraschend in einen höllischen Sturm und rufen "o Gott" und werden gerettet und so. Und so was hätte ich natürlich auch schreiben können. Aber als ich über diesem Aufsatz saß, fiel mir als Erstes ein, dass wir letzten drei Jahre schon nicht mehr in den Urlaub gefahren waren, weil mein Vater die ganze Zeit seinen Bankrott vorbereitete. Was mich nie gestört hatte, so gern bin ich mit meinen Eltern auch wieder nicht in Urlaub gefahren.

Stattdessen hatte ich den ganzen letzten Sommer in unserem Keller gehockt und Bumerangs geschnitzt. Ein Lehrer von mir, einer aus der Grundschule, hat mir das beigebracht. Das war der totale Fachmann im Bumerangbereich. Bretfeld hieß der, Wilhelm Bretfeld. Der hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Sogar zwei Bücher. Das habe ich aber erst mitgekriegt, als ich schon aus der Grundschule raus war. Da hab ich den alten Bretfeld nochmal auf einer Wiese getroffen. Der stand praktisch direkt hinter unserem Haus auf der Kuhwiese und hat seine Bumerangs geworfen, selbstgeschnitzte Bumerangs - und das war auch wieder so eine Sache, wo ich nicht wusste, dass das funktioniert. Wo ich dachte, das gibt's nur im Film, dass die wirklich zu einem zurückkommen. Aber Bretfeld war der Vollprofi, und der hat es mir dann gezeigt. Ich fand das wahnsinnig beeindruckend. Auch dass er seine Bumerangs alle selbst geschnitzt und bemalt hat. "Alles, was vorne rund und hinter spitz ist, fliegt", hat Bretfeld gesagt, und dann hat er mich über seine Brille hinweg angeguckt und gefragt: "Wie heißt du nochmal? Ich kann mich nicht an dich erinnern." Was mich aber am meisten umgehauen hat, war dieser Langzeitflugbumerang. Das ein von ihm selbst entwickelter Bumerang, der konnte minutenlang fliegen, und den hat er erfunden. Überall auf der Welt, wenn heute jemand einen Langzeitbumerang wirft und der bleibt fünf Minuten in der Luft, dann wird ein Foto gemacht, und dann steht da: basierend auf einem Design von Wilhelm Bretfeld. Der ist also praktisch weltbekannt, dieser Bretfeld. Und der steht da letzten Sommer auf der Kuhwiese hinter unserem Haus und zeigt mir das. Wirklich ein guter Lehrer. Das hatte ich auf der Grundschule gar nicht bemerkt.

Jedenfalls hab ich die ganzen Sommerferien im Keller gesessen und geschnitzt. Und das waren tolle Sommerferien, viel besser als Urlaub. Meine Eltern waren fast nie zu Hause. Mein Vater fuhr von Gläubiger zu Gläubiger, und meine Mutter war auf der Beautyfarm. Und da hab ich dann eben auch den Aufsatz drüber geschrieben: Mutter und die Beautyfarm. Reizwortgeschichte von Maik Klingenberg.

In der nächsten Stunde durfte ich sie vorlesen. Oder musste. Ich wollte ja nicht. Svenja war zuerst dran, und sie hat diesen Quatsch mit der Côte d'Azur vorgelesen, den Schürmann wahnsinnig toll fand, und dann hat Kevin nochmal das Gleiche vorgelesen, nur dass die Côte d'Azur jetzt die Nordsee war, und dann kam ich. Mutter auf der Schönheitsfarm. Die ja nicht wirklich eine Schönheitsfarm war. Obwohl meine Mutter tatsächlich immer etwas besser aussah, wenn sie von dort zurückkam. Aber eigentlich ist es eine Klinik. Sie ist ja Alkoholikerin. Sie hat Alkohol getrunken, solange ich denken kann, aber der Unterschied ist, dass es früher lustiger war. Normal wird vom Alkohol jeder lustig, aber wenn das eine bestimmte Grenze überschreitet, werden die Leute müde oder aggressiv, und als meine Mutter dann wieder mit dem Küchenmesser durch die Wohnung lief, stand ich mit meinem Vater oben auf der Treppe, und mein Vater hat gefragt: "Wie wär's mal wieder mit der Beautyfarm?" Und so fing der Sommer an, als ich in der Sechsten war.

Ich mag meine Mutter. Ich muss das dazusagen, weil das, was jetzt kommt, vielleicht kein supergutes Licht auf sie wirft. Aber ich habe sie immer gemocht, und ich mag sie noch. Sie ist nicht so wie andere Mütter. Das mochte ich immer am meisten. Sie kann zum Beispiel sehr witzig sein, das kann man ja von vielen Müttern nicht gerade behaupten. Und dass das Schönheitsfarm hieß, das war eben auch nur so ein Witz von meiner Mutter.

Früher hat meine Mutter viel Tennis gespielt. Mein Vater auch, aber nicht so gut. Der eigentliche Crack in der Familie war meine Mutter. Als sie noch fit war, hat sie jedes Jahr die Vereinsmeisterschaften gewonnen. Und auch mit einer Flasche Wodka intus hat sie die noch gewonnen, aber das ist eine ander Geschichte. Jedenfalls war ich schon als Kind immer mit ihr auf dem Platz. Meine Mutter hat auf der Vereinsterrasse gesessen und Cocktails getrunken mit Frau Weber und Frau Osterthun und Herrn Schuback und dem ganzen Rest. Und ich hab unterm Tisch gesessen und mit Autos gespielt, und die Sonne hat geschienen. In meiner Erinnerung scheint im Tennisclub immer die Sonne. Ich schaue mir den roten Staub auf fünf Paar weißen Tennisschuhen an, ich sehe die Unterwäsche unter den knappen Tennisröcken, und sammle die Kronkorken ein, die von oben runterfallen und in die man mit Kugelschreiber reinmalen kann. Ich darf fünf Eis essen am Tag und zehn Cola trinken und alles beim Wirt anschreiben lassen. Und dann sagt Frau Weber oben: "Nächste Woche wieder um sieben, Frau Klingenberg?"

Und meine Mutter: "Sicher."

Und Frau Weber: "Da bring ich dann diesmal die Bälle."

Und meine Mutter: "Sicher."

Und so weiter und so weiter. Immer genau das gleiche Gespräch. Wobei der Witz war, dass Frau Weber nie Bälle mitbrachte, da war sie zu geizig für.

Ab und zu gab es aber auch eine andere Unterhaltung. Die ging so:

"Nächste Woche wieder Samstag, Frau Klingenberg?"

"Kann ich nicht, da fahr ich weg."

"Aber hat Ihr Mann nicht Medenspiele?"

"Ja, er fährt ja auch nicht weg. Ich fahr weg."

"Ach, wo fahren Sie denn hin?"

"Auf die Beautyfarm."

Und dann kam immer, immer, immer von irgendwem am Tisch, der das noch nicht kannte, die wahnsinnig geistreiche Bermerkung: "Das haben Sie doch gar nicht nötig, Frau Klingenberg!"

Und meine Mutter hat ihren Brandy Alexander runtergekippt und gesagt: "War ein Witz, Herr Schuback. Ist 'ne Entzugsklinik."

Dann sind wir Hand in Hand vom Tennisplatz nach Hause, weil meine Mutter nicht mehr Auto fahren konnte. Ich hab ihre schwere Sporttasche getragen, und sie hat zu mir gesagt: "Du kannst nicht viel von deiner Mutter lernen. Erstens, man kann über alles reden. Und zweitens, was die Leute denken, ist scheißegal." Das hat mir sofort eingeleuchtet. über alles reden. Und scheiß auf die Leute.

Zweifel sind mir erst später gekommen. Keine Zweifel am Prinzip. Aber Zweifel, ob es meiner Mutter wirklich so scheißegal war.

Jedenfalls - diese Beautyfarm. Wie genau das da ablief, weiß ich nicht. Weil ich meine Mutter nie besuchen durfte, das wollte sie nicht. Aber wenn sie von da zurückkam, hat sie immer verrückte Sachen erzählt. Die Therapie bestand offenbar hauptsächlich aus keinem Alkohol und reden. Und Wasser treten. Manchmal auch turnen. Aber turnen konnten nicht mehr viele. Meistens haben sie nur geredet und dabei ein Wollknäuel im Kreis rumgeworfen. Weil, immer nur wer das Wollknäuel hatte, durfte reden. Ich musste fünfmal nachfragen, ob ich richtig gehört hatte oder ob das ein Witz war mit dem Wollknäuel. Aber das war kein Witz. Meine Mutter fand das auch gar nicht so witzig oder spannend, aber ich fand das, ehrlich gesagt, wahnsinnig spannend. Das muss man sich vorstellen: Zehn erwachsene Menschen sitzen im Kreis und werfen ein Wollknäuel rum. Hinterher war der ganze Raum voll Wolle, aber das war gar nicht der Sinn der Sache, auch wenn man das jetzt erst mal denken könnte. Der Sinn war, dass ein Gesprächsgeflecht entsteht. Woran man schon erkennen kann, dass meine Mutter nicht die Verrückteste in dieser Anstalt war. Da müssen noch deutlich Verrücktere gewesen sein.

Und wenn jetzt einer glaubt, das Wollknäuel wäre nicht zu toppen, dann hat er vom Pappkarton noch nichts gehört. Jeder in der Klinik hatte nämlich auch einen Pappkarton in seinem Zimmer. Der hing knapp under der Decke, mit der öffnung nach oben, und in diesen Karton musste man immer Zettel reinwerfen wie in einen Basketballkorb. Zettel, auf die man vorher seine Sehnsüchte, Wünsche, Vorsätze, Gebet oder was geschrieben hatte. Immer wenn meine Mutter Wünsche hatte oder Vorsätze oder wenn sie sich Vorwürfe machte, dann hat sie das aufgeschrieben und den Zettel zusammengefaltet und dann praktisch Dirk Nowitzki: Dunking. Und das Irre daran war, das nie jemand diese Zettel gelesen hat. Das war nicht der Sinn der Sache. Der Sinn der Sache war, dass man das einmal aufschreibt und dass es dann da ist und das man sehen kann: Da hängen meine Wünsche und Sehnsüchte und der ganze Kack in diesem Pappkarton da oben. Und weil diese Kartons so wichtig waren, musste man denen auch einen Namen geben. Der wurde mit Filzstift auf den Karton draufgeschrieben, und dann hatte praktisch jeder Alki einen Karton auf seinem Zimmer hängen, der "Gott" hieß und wo seine Sehnsüchte drin waren. Weil, die meisten haben ihren Karton "Gott" genannt. Das war der Vorschlag vom Therapeuten gewesen, dass man den Gott nennen könnte. Man durfte ihn aber nennen, wie man wollte. Eine ältere Frau hat ihn auch "Osiris" genannt und jemand anders "Großer Geist".

Der Karton meiner Mutter hieß "Karl-Heinz", und da ist dann der Therapeut zu ihr gekommen und hat sie gelöchert. Zuerst wollte er wissen, ob das ihr Vater war. "Wer?", hat meine Mutter gefragt, und der Therapeut hat auf den Karton gezeigt. Meine Mutter hat den Kopf geschüttelt. Und da hat der Therapeut gefragt, wer das dann sein soll, dieser Karl-Heinz, und meine Mutter hat gesagt: "Die Pappschachtel da." Und dann wollte der Therapeut wissen, wie denn der Vater von meiner Mutter geheißen hatte. "Gottlieb", hat meine Mutter da geantwortet, und der Therapeut hat "Aha!" gesagt, und dieses "Aha" soll so geklungen haben, als hätte der Therapeut jetzt wahnsinnig Bescheid gewusst. Gottlieb - aha! Meine Mutter wusste aber nicht, worüber der Therapeut Bescheid gewusst hat, und er hat es ihr auch nicht gesagt. Und so soll das immer gewesen sein. Alle haben immer wahnsinnig so ausgesehen, als ob sie Bescheid wüssten, die hätten's einem aber nie verraten. Als mein Vater das gehört hat, das mit dem Karton, ist er fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. Er hat immer gesagt: "Mein Gott, ist das traurig", und dann hat er doch gelacht, und ich musst auch die ganze Zeit lachen, und meine Mutter fand's ja sowieso komisch, jedenfalls im Nachhinein.

Und das alles hab ich in meinen Aufsatz reingeschrieben. Um das Wort "Rettung" unterzubringen, hab ich noch die Episode mit dem Küchenmesser dazugenommen, und weil ich gerade so in Fahrt war, auch noch, wie sie morgens die Treppe runtergekommen ist und mich mit meinem Vater verwechselt hat. Das war der längste Aufsatz, den ich je geschrieben hatte, mindestens acht Seiten lang, und ich hätte wahrscheinlich auch noch Teil zwei und Teil drei und Teil vier schreiben können, wenn ich gewollt hätte, aber wie sich dann rausstellte, war Teil eins völlig ausreichend.

Die Klasse ist beim Vorlesen durchgedreht vor Begeisterung. Schürmann hat um Ruhe gebeten und gesagt: "Also schön. Na schön. Wie lang ist das denn noch? Ach, so lang noch? Das reicht erst mal, würde ich sagen." Da brauchte ich den Rest gar nicht zu lesen. In der Pause hat Schürmann mich dabehalten, um das Heft allein anzugucken, und ich hab wahnsinnig stolz neben ihm gestanden, weil das so ein toller Erfolg gewesen war und weil Schürmann den Aufsatz jetzt sogar noch persönlich zu Ende lesen wollte. Maik Klingenberg, der Schriftsteller. Und dann hat Schürmann das Heft zugeklappt und mich angesehen und den Kopf geschüttelt, und ich hab gedacht, das ist ein anerkennendes Kopfschütteln, so unter dem Motto: Wie kann ein Sechstklässler nur so endgeile Aufsätze schreiben? Aber dann hat er gesagt: "Was grinst du denn so blöd? Findest du das auch noch lustig?" Und da wurde mir langsam klar, dass das ein so toller Erfolg auch wieder nicht war. Jedenfalls nicht bei Schürmann.

Er ist vom Pult aufgestanden und zum Fenster geganen und hat auf den Pausenhof rausgesehen. "Maik", hat er gesagt, und dann hat er sich wieder zu mir umgedreht. "Das ist deine Mutter. Hast du da mal drüber nachgedacht?

Offensichtlich hatte ich einen riesigen Fehler gemacht. Ich wusste zwar nicht, welchen. Aber es war Schürmann einfach anzusehen, dass ich mit dieser Geschichte einen absolut riesigen Fehler begangen hatte. Und dass er das für den peinlichsten Aufsatz der Weltgeschichte hielt, war auch irgendwie klar. Nur warum das so war, das wusste ich nicht, das hat er mir nicht verraten, und ich weiß es, ehrlich gesagt, bis heute nicht. Er hat nur immer wiederholt, dass es mene Mutter wäre, und ich habe gesagt, das wäre mir klar, dass meine Mutter meine Mutter wäre, und dann wurde er plötzlich laut und hat gesagt, dieser Aufsatz wäre das Widerwärtigste und Ekelerregendste und Schamloseste, was ihm in fünfzehn Jahren Schuldienst untergekommen sei und so weiter, und ich soll sofort diese zehn Seiten rausreißen aus meinem Heft. Ich war völlig am Boden zerstört und hab natürlich gleich nach meinem Heft gegriffen wie der letzte Trottel, um die Seiten rauszureißen, aber Schürmann hat meine Hand festgehalten und geschrien: "Du sollst es nicht wirklich rausreißen. Kapierst du denn gar nichts? Du sollst nachdenken. Denk nach!" Ich dachte eine Minute nach, und, ehrlich gesagt, ich kapierte es nicht. Ich hab es bis heute nicht kapiert. Ich meine, ich hatte ja nichts erfunden oder so.

7

Und danach hieß ich eben Psycho. Fast ein Jahr lang nannten mich alle so. Sogar im Unterricht. Sogar, wenn Lehrer dabei waren. "Los, Psycho, spiel ab! Du schaffst es, Psycho! Schön den Ball flachhalten!" Und das hörte erst wieder auf, als André in unsere Klasse kam. André Langin. Der schöne André.

André war sitzengeblieben. Er hatte shon am ersten Tag eine Freundin bei uns, und dann hatte er jede Woche eine andere, und jetzt ist er gerade mit einer Türkin aus der Parallelklasse zusammen, die aussieht wie Salma Hayek. Auch an Tatjana hat er mal kurz rumgegraben, da wure mir wirklich anders. Ein paar Tage haben die beiden dauernd miteinander geredet, auf den Gängen, vor der Schule, am Rondell. Aber zusammen waren sie am Ende doch nicht, glaube ich. Das hätte mich umgebracht. Weil, irgendwann haben sie auch nicht mehr miteinander geredet, und kurz danach hab ich gehört, wie André Patrick erklärt hat, warum Männer und Frauen nicht zusammenpassen, wahnsinnig wissenschaftliche Theorien über die Steinzeit, über Säbelzahntiger und Kinderkriegen und alles. Und auch dafür habe ich ihn gehasst. Ich habe ihn vom ersten Moment an wahnsinnig gehasst, aber das fiel mir nicht ganz leicht. Weil, André nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter, aber er ist auch nicht komplett hohl. Er kann ganz nett sein, und er hat was Lässiges, und er sieht, wie gesagt, ziemlich gut aus. Aber er ist trotzdem ein Arschloch. Zu allem überfluss wohnt er nur eine Straße weiter von uns, in der Waldstraße 15. Wo übrigens nur Arschlöcher wohnen. Die Langins haben da ein riesiges Haus. Sein Vater ist Politiker, Stadtrat oder so was. Klar. Und mein Vater sagt: Großer Mann, dieser Langin! Weil er jetzt auch in der FDP ist. Da muss ich strahlkotzen. Tut mir leid.

Aber ich wollte ja was anders erzählen. Als André noch ganz neu bei uns war, waren wir einmal wandern, irgendwo südlich von Berlin. Der übliche Ausflug in den Wald. Ich lief mit großem Abstand hinter allen anderen her und guckte mir die Natur an. Weil, das war zu einer Zeit, da hatten wir gerade ein Herbarium angelegt, und ich interessierte mich eine Weil lang für die Natur. Für Bäume. Ich wollte vielleicht Wissenschaftler oder so was werden. Aber auch niht lange, und das hing wahrscheinlich auch wieder mit diesem Ausflug zusammen, wo ich meilenweit hinter den anderen herwanderte, um mir in aller Ruhe den Blattstand und den Habitus anzugucken. Da fiel mir dann nämlich auf, dass ich mich für Blattstand und für Habitus einen Scheiß interessierte. Vorne wurde gelacht, und ich konnte das Lachen von Tatjana Cosic unterscheiden, und zweihundert Meter dahinter latscht Maik Klingenberg durch den Wald und schaut sich den Scheißblattstand in der Natur an. Die ja nicht einmal eine richtige Natur war, sondern ein mickriges Gehölz, wo alle zehn Meter drei Hinweisschilder standen. Hölle.

Irgendwann haben wir dann bei einer dreihundert Jahre alten Weißbuche gehalten, die ein Friedrich der Große da in die Erde gepflanzt hatte, und der Lehrer hat gefragt, wer denn jetzt weiß, was das für ein Baum ist. Und keiner wusste es. Außer mir natürlich. Aber ich war auch nicht so bescheuert, dass ich vor allen Leuten zugegeben hätte, dass ich wusste, dass das eine Weißbuche ist. Da hätte ich ja gleich sagen können: Mein Name ist Psycho, und ich habe ein Problem. Allein dass wir jetzt alle um diesen Baum rumstanden und keiner wusste, was das ist, war auch wieder deprimierend. Und jetzt komme ich langsam zum Punkt. Unter dieser Weißbuche hatte Friedrich der Große nämlich auch ein paar Bänke aufgestellt, damit man sich da hinsetzen und picknicken konnte, und genau das haben wir dann auch getan. Ich saß zufällig mit am Tisch von Tatjana Cosic. Mir schräg gegenüber André, der schöne André, beide Arme rechts und links um die Schultern von Laura und Marie gelegt. Als wäre er mit ihnen dick befreundet, dabei war er mit überhaupt nicht befreundet. Er war höchstens eine Woche in unserer Klasse. Aber die beiden hatten auh nichts dagegen. Im Gegenteil, sie waren wie vor Glück versteinert und bewegten sich keinen Millimeter, als hätten sie Angst, Andrés Arme wie scheue Vögel von ihren Schultern zu verscheuchen. Und André hat die ganze Zeit nichts gesagt, nur mit seinem Schlafzimmerblick schlafzimmerartig in die Gegend geschaut, und dann guckte er auch einmal mich an und sagte nach langem Nachdenken in irgendeine Richtung, aber garantiert nicht in meine: "Wieso heißt er eigentlich Psycho? Der ist doch total langweilig." Laura und Marie haben sich weggeschmissen über diesen Spitzenwitz, und weil das so ein großer Erfolg war, hat André seinen Satz gleich nochmal wiederholt: "Ja, echt, warum heißt die Schlaftablette eigentlich Psycho?" Und seitdem heiße ich wieder Maik. Und es ist noch schlimmer als vorher.