Die Physiker Seite 32

FRAU ROSE
als fünfzehnjährigen Gymnasiasten im Hause meines Vaters kennen, wo er eine Mansarde gemietet hatte. Er war ein Waisenbub und bitter arm. Ich ermöglichte ihm das Abitur1 und später das Studium der Physik. An seinem zwanzigsten Geburtstag haben wir geheiratet. Gegen den Willen meiner Eltern. Wir arbeiteten Tag und Nacht. Er schrieb seine Dissertation und ich übernahm eine Stelle in einem Transportgeschäft. Vier Jahre später kam Adolf-Friedrich, unser Ältester und dann die beiden andern Buben. Endlich stand eine Professur in Aussicht2, wir glaubten aufatmen zu dürfen, da wurde Johamm Wilhelm krank und sein Leiden verschlang Unsummen3. Ich trat in eine Schokoladenfabrik ein, meine Familie durchzubringen. Bei Tobler4.
Sie wischt sich still eine Träne ab.
FRAU ROSE
Ein Leben lang mühte ich mich ab.
Alle sind ergriffen.
FRL. DOKTOR
Frau Rose, Sie sind eine mutige Frau.
MISSIONAR ROSE
Und eine gute Mutter.
FRAU ROSE
Fräulein Doktor. Ich habe bis jetzt Johann Wilhelm den Aufenthalt in Ihrer Anstalt ermöglicht. Die Kosten gingen weit über meine Mittel, aber Gott half immer wieder. Doch nun bin ich finanziell erschöpft. Ich bringe das zusätzliche Geld nicht mehr auf.
FRL. DOKTOR
Begreiflich, Frau Rose.
FRAU ROSE
Ich fürchte, Sie glauben nun, ich hätte Oskar nur geheiratet, um nicht mehr für Johann Wilhelm aufkommen zu müssen, Fräulein Doktor. Aber das


1das Abitur: the diploma (awarded to those students who at the end of the Gymnasium -- a public "Prep School" -- successfully pass a rigid examination for study at any university) [RETURN TO TEXT]
2Endlich ... Aussicht: At long last a professorship was in the offing [RETURN TO TEXT]
3sein ... Unsummen: his illness absorbed enormous sums [RETURN TO TEXT]
4Tobler: (a well-known Swiss chocolate firm) [RETURN TO TEXT]


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